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Aus dem Leben eines Bildschirmarbyters

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Toni & Freunde

ruhige Kinderlieder statt KI-Slop

Toni & Freunde: ruhige Kinderlieder statt KI-Slop

Es gibt eine Sorte YouTube-Video, die ich inzwischen nach drei Sekunden erkenne: knallbunt, alle paar Sekunden ein neues Bild, irgendwo blinkt immer etwas, und dazu eine Melodie wie aus dem Partykeller. Die Figuren sehen in jeder Szene ein bisschen anders aus, mal ist ein Rad mehr dran, mal fehlt ein Auge, und niemand im Video wundert sich. Willkommen in der Welt des KI-Slops für Kinder: Videos, die eine KI am Fließband ausspuckt, so schnell und so billig wie möglich, damit der Algorithmus immer etwas zum Ausspielen hat.

Mein Sohn wollte genau diese Videos sehen. Immer wieder. Und mich hat das mit jedem Mal mehr genervt, bis ich beschlossen habe, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Herausgekommen ist Toni & Freunde: ein Kinderkanal mit ruhigen Liedern für Zwei- bis Fünfjährige, mit Figuren, die sich nie verändern, und mit einer eigenen Webseite für Eltern.

Was mich so genervt hat

Um eins vorweg zu sagen: Ich habe nichts gegen KI. Ich arbeite jeden Tag damit und habe hier auch schon darüber geschrieben, wie wir KI-gebaute Software serienreif machen. Mein Problem war nie das Werkzeug, sondern das, was damit gemacht wird.

Das Tempo. Kleine Kinder brauchen Zeit, um ein Bild zu erfassen, darauf zu zeigen und mitzusingen. Diese Videos lassen ihnen keine: Der nächste Schnitt kommt, bevor das Kind beim letzten angekommen ist. Das hält die Augen am Bildschirm, aber es ist Reizflut, kein Lied.

Die Figuren verändern sich. Eine Bild- oder Video-KI, die jede Szene neu erzeugt, weiß nicht mehr genau, wie der Traktor eben noch aussah. Für Erwachsene ist das ein lustiger Fehler. Für Kinder, die gerade lernen, Dinge wiederzuerkennen, ist es das Gegenteil von dem, was sie brauchen.

Es hört nie auf. Kaum ist ein Video vorbei, startet das nächste. Es gibt keinen natürlichen Schluss, und jedes Ausschalten fühlt sich an, als würde man dem Kind mitten im Satz etwas wegnehmen.

Donnerstag, 19:08 Uhr: eine Sprachnotiz

Am 5. November um 19:08 Uhr habe ich mir eine Sprachnotiz gemacht, sinngemäß: „YouTube-Kinderkanal prompten, mit langsamen Videos und süßen Cartoons.“ Mein digitaler Assistent Robothomas macht aus solchen Notizen automatisch ein Ticket in Jira. Am nächsten Morgen wurde daraus ein richtiger Auftrag: ein verspieltes, aber nicht zu komplexes Setup, ein Asset Book mit den Figuren und eine Automatik, die aus einem fertigen Lied das passende Musikvideo baut. Zwei Sätze darin waren mir am wichtigsten: Die Figuren dürfen sich während des Videos nicht verändern. Und: Das Video soll kindgerecht sein und nicht so schnell.

Etwas mehr als 24 Stunden nach der Sprachnotiz standen die ersten sechs Lieder auf YouTube. Das hier ist das allererste:

Toni Traktor tuckert los

Toni & Freunde 6. November 2026 Video öffnen

Regel Nummer eins: Figuren werden gezeichnet, nicht generiert

Wenn das Problem ist, dass eine KI jede Szene neu erfindet, liegt die Lösung auf der Hand: Sie darf die Figuren gar nicht erst zeichnen. Jede Figur ist eine feste SVG-Zeichnung in einem Kit, und jedes Video setzt exakt diese Dateien ein. Bewegt werden nur Teile wie Räder, Augen, Mund und Kopf, nie die Zeichnung selbst. So sieht Toni Traktor in jeder Szene und in jedem Video genau gleich aus.

Angefangen hat es mit sechs Figuren: Toni Traktor, Moritz Müllwagen, Sonja Sonne, Klara Kuh, Wolle Schaf und Emil Ente. Inzwischen wohnen 43 Freunde in 23 Kulissen, alle im selben flachen, runden Stil mit gleich gebauten Gesichtern.

Dazu kommen Regeln, die beim Schreiben erstaunlich viel Spaß machen: Figuren tragen nie Kleidung, eine Mütze ist eine Requisite. Winken dürfen nur Menschen, Fahrzeuge hupen und Tiere rufen. Bei uns gießt die Feuerwehr Blumen, und die Polizei hilft Emil Ente über die Straße. Wut, Traurigkeit oder Angst im Dunkeln dürfen vorkommen, sie bekommen einen Namen und lösen sich sanft auf: atmen, trösten, kuscheln.

Die Regeln für jedes Lied

  • Figuren verändern sich nie
  • Ruhiges Tempo, keine Hektik
  • Keine Blitze, nichts Gruseliges
  • Gefühle dürfen sein
  • Echte Stimmen, kein Schlager
  • 30 Sekunden Gute-Nacht-Pause
  • Keine Marken, keine echten Personen

Jedes Video ist erst einmal eine Webseite

Das ist der Teil, der mir als Entwickler am meisten Spaß macht: Jede Szene ist eine Webseite aus HTML, SVG und CSS. Eine kleine Zeitleiste berechnet jedes Bild als reine Funktion der Zeit, deshalb kann ich jedes Video vorher im Browser abspielen und darin hin- und herspringen. Gerendert wird Bild für Bild mit einem Headless-Chrome direkt in ffmpeg, in 1920 × 1080 Pixeln und mit 30 Bildern pro Sekunde. Keine npm-Pakete, alles läuft lokal, und ein Lied von drei Minuten ist in etwa einer Minute fertig.

Gebaut habe ich das Ganze zusammen mit Claude Code als sogenannten Skill. Zuerst entsteht der Liedtext, und zwar nur mit Figuren, Orten und Bewegungen, die es im Kit wirklich gibt. Die Musik macht Suno, ein KI-Musikprogramm. Ein Skript findet im fertigen Song Tempo, Takte, Strophen und Refrains, und daraus entsteht das Storyboard: eine Szene pro Liedteil und ein Bild zu jeder Zeile, mit einer Bewegung genau auf dem Taktanfang. Der Refrain kehrt immer an denselben Ort zurück, und das Ende greift den Anfang auf: Morgens geht die Sonne auf, abends geht sie unter.

Das Wichtigste ist ein Prüfer, der jedes Storyboard vor dem Bauen kontrolliert: Szenenlängen, Geschwindigkeiten, Kamerafahrten und wie lange ein Text stehen bleibt. Meckert er, wird nicht die Regel umgangen, sondern das Storyboard ruhiger gemacht. Hochgeladen wird über die offizielle YouTube-API, immer als „Speziell für Kinder“ und immer erst privat. Öffentlich wird ein Video erst, wenn ein Mensch es sich angeschaut und angehört hat.

Das Kit: Das Asset Book zeigt alle Figuren, so wie sie in jedem Video aussehen
Die Vorschau: Jedes Video läuft zuerst als Webseite im Browser, mit Zeit und Szene unten
Die Übersicht: Ein Bild pro Szene, damit man das ganze Lied auf einen Blick prüfen kann

Musik ohne Gedudel

Für die Musik gelten genauso feste Regeln: kein Schlager, kein „Hurra“ und kein „Juchhe“, natürliche Stimmen statt Gedudel, gemütliche 90 bis 110 Schläge pro Minute, Schlaflieder noch langsamer. Der Refrain kommt dreimal genau gleich, damit auch die Kleinsten schnell mitsingen können, und es gibt Stellen zum Klatschen, Nicken und Zählen. Jeder Text ist neu geschrieben, und die Stilrichtung wechselt von Lied zu Lied, vom Wiegenlied über Folk und Bossa nova bis zum Swing. Das hat einen ganz eigennützigen Grund: Ich will das Lied auch beim zehnten Mal noch gern hören.

Am Ende schlafen alle ein

Mein Lieblingsdetail ist das Ende. Jedes Video schließt mit einer 30 Sekunden langen Gute-Nacht-Pause ohne Musik: Alle Figuren schlafen unter Mond und Sternen ein, es heißt noch „Gute Nacht!“ und „Bis bald!“, dann wird das Bild langsam dunkel.

Statt dass nahtlos das nächste Video losgeht, wird es erst einmal ruhig. Das ist der Moment zum Ausschalten, und er fühlt sich nicht an wie ein Abbruch, sondern wie ein Schluss. Der Generator hängt diese Pause automatisch an jedes Video an, kürzer als 30 Sekunden geht nicht.

Gute Nacht: Die 30 Sekunden am Ende: alle schlafen, das Bild wird langsam dunkel

Die Webseite: alles an einem Ort, ohne Algorithmus

Bleibt ein Problem: Wer Toni & Freunde auf YouTube schaut, bekommt daneben sofort wieder genau die Videos vorgeschlagen, vor denen ich gerade flüchten wollte. Deshalb gibt es toniundfreunde.de, eine eigene Seite, auf der Eltern alle Lieder finden, ohne dass ein Algorithmus mitredet.

Die Seite ist statisches HTML ohne Framework, erzeugt von einem einzigen Build-Skript aus denselben Ordnern, aus denen auch die Videos entstehen. Welche Videos schon öffentlich sind, liest das Skript aus dem Feed des Kanals, nach jedem Upload wird einfach neu gebaut. Die Liederliste umfasst schon 153 Lieder und Vorstellungs-Videos, die meisten bisher als fertiges Drehbuch mit Liedtext, die Videos kommen nach und nach dazu. Suchen lässt sich nach Titel, Figur, Thema oder einer Zeile aus dem Liedtext, und jedes Lied hat eine eigene Seite mit Video, Besetzung und komplettem Liedtext zum Mitsingen.

Startseite: Ruhige Kinderlieder mit Toni & Freunden, mit Suche direkt oben
Alle Lieder: Suche, Themenfilter und die Reihe „Mit wem?“ für die Lieblingsfigur
Liedseite: Jedes Lied hat eine eigene Seite, YouTube lädt erst nach dem Klick
Zum Mitsingen: Besetzung und kompletter Liedtext unter jedem Video

Unter „Die Freunde“ stellt sich jede Figur selbst vor, und unter „Was uns wichtig ist“ erklärt jeweils eine passende Figur eine Regel des Kanals: Susi Schnecke sagt „Wir haben Zeit.“, Lumi Leuchtturm sagt „Ich passe auf.“ Für Eltern gibt es Texte darüber, was ein Lied ruhig macht und wie viel Bildschirmzeit sinnvoll ist. Die WHO empfiehlt für Zwei- bis Vierjährige höchstens eine Stunde am Tag, die deutsche Leitlinie für Drei- bis Sechsjährige höchstens 30 Minuten an einzelnen Tagen. Auf der Seite steht deshalb ganz offen: Ein oder zwei Lieder sind eine gute Portion. Ein Satz, den ein Slop-Kanal vermutlich nie schreiben würde.

Und weil es um Kinder geht, ist die Seite auch technisch zurückhaltend: keine Cookies, keine externen Schriften, und YouTube lädt erst, wenn man auf „Video abspielen“ klickt.

Die Freunde: 43 Figuren, und jede stellt sich mit ein paar Sätzen selbst vor
Was uns wichtig ist: Jede Regel des Kanals wird von einer passenden Figur erklärt

Schnell gebaut ist nicht dasselbe wie schnell geschnitten

Ja, ich sehe die Ironie. Ich beschwere mich über schnell produzierte KI-Videos und habe selbst in weniger als zwei Tagen einen ganzen Kanal hochgezogen, mit KI. Donnerstagabend die Sprachnotiz, Freitagabend die ersten sechs Lieder auf YouTube, Samstag die Webseite. Inzwischen liegen über 120 Lieder als fertiges Drehbuch bereit.

Der Unterschied liegt nicht im Werkzeug und nicht darin, wie schnell etwas entsteht, sondern darin, wie schnell das Ergebnis ist, und in den Regeln dahinter. Die KI schreibt bei Toni & Freunde Liedtexte, Drehbücher und Code. Aber jede Figur ist eine feste Zeichnung, jedes Storyboard muss an einem Prüfer vorbei, der Hektik schlicht verbietet, und kein Video geht online, bevor ein Mensch es gesehen und gehört hat. Schnell bauen ist kein Problem. Schnell schneiden schon.

Der strengste Kritiker sitzt zu Hause

Ob Toni Traktor auf Dauer gegen die knallbunte Konkurrenz ankommt, entscheidet am Ende nicht der Algorithmus, sondern ein ziemlich strenger Kritiker bei uns zu Hause. Aber ich weiß jetzt wenigstens, was er sieht, wenn er Toni sieht: ein Lied mit einer kleinen Geschichte, Freunde, die er jedes Mal wiedererkennt, und am Ende 30 Sekunden Ruhe, in denen ich ausschalten kann.

Wenn ihr selbst Kinder zwischen zwei und fünf habt: Schaut gern auf toniundfreunde.de vorbei oder abonniert den Kanal auf YouTube. Toni & Freunde ist ein Projekt meiner Firma Lulububu, und wenn ihr eine Idee für ein Lied oder eine neue Figur habt, schreibt mir. Toni freut sich über neue Freunde.

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