Neues Hirn für alte Anzeigen
wie wir eine Abfahrtsanzeige mit einem Raspberry Pi wiederbelebt haben

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Jeder kennt sie, kaum jemand denkt über sie nach: die großen LED-Anzeigen an Bushaltestellen und Bahnhöfen, die in orangefarbenen Pünktchen anzeigen, welcher Bus wann von welchem Steig abfährt. In der Fachsprache heißen sie DFI-Anzeigen, kurz für dynamische Fahrgastinformation. Und viele davon haben ein Problem, das man ihnen von außen nicht ansieht: Das Display selbst ist völlig in Ordnung, aber der Computer dahinter ist hoffnungslos veraltet.
Genau so eine Anzeige hat bei uns in Ravensburg am Bahnhof gehangen. Mit meinem Team von Lulububu, allen voran meinem Kollegen Michael Malura, haben wir sie aufgeschraubt, uns angeschaut, was da eigentlich drinsteckt, und ihr ein neues Innenleben verpasst. Das Ergebnis läuft inzwischen live, und die spannendste Erkenntnis dabei ist: Das geht nicht nur mit dieser einen Anzeige.
Als wir das Gehäuse zum ersten Mal geöffnet haben, war schnell klar, woran es hakt. Die Anzeige selbst ist eine solide Standard-Anlage von deister electronic, keine Sonderanfertigung: eine zweiseitige LED-Matrix mit 240 × 120 Pixeln, angesteuert über 16 serielle Controller, genug Platz für zwölf Zeilen mit Linie, Ziel, Abfahrtszeit und Steig. Die Hardware, die man als Fahrgast sieht, ist robust gebaut und hätte noch viele Jahre vor sich.
Das eigentliche Sorgenkind sitzt dahinter. Gesteuert wurde das Ganze von einem Boardcomputer vom Typ deister VDX-6326, auf dem noch Windows XP Embedded läuft. Die Fahrplandaten kamen über ein altes, proprietäres Protokoll namens IproM per GPRS herein, also über das 2G-Mobilfunknetz, dessen Tage in Deutschland gezählt sind. Ein Betriebssystem, für das es seit Jahren keine Updates mehr gibt, an einer Datenleitung, die bald niemand mehr anbietet: Das ist keine Basis, auf der man eine Anzeige weiter betreiben möchte.
Der naheliegende Reflex wäre, die ganze Anzeige abzureißen und eine neue hinzustellen. Das ist teuer, dauert lange und wirft funktionierende Hardware auf den Schrott. Wir sind den umgekehrten Weg gegangen: Display und Controller-Bus bleiben, wir tauschen nur den Kopf.
An die Stelle des alten Windows-Rechners tritt ein Raspberry Pi 5, das Betriebssystem liegt auf einer einfachen SD-Karte. Über einen USB-RS-422-Adapter mit FTDI-Chip spricht er direkt mit den seriellen Controllern der LED-Matrix, mit 38.400 Baud im klassischen 8N1-Format, genau so, wie es der alte Boardcomputer auch getan hat. Für die Anzeige macht es also keinen Unterschied, wer ihr die Pixel schickt.
Ins Netz kommt die Anzeige über ein 4G-Modem (Waveshare SIM7600) mit eigener SIM-Karte, abgesichert über ein WireGuard-VPN. Statt über das alte IproM-Protokoll holt sich der Raspberry Pi die Abfahrten direkt aus der Schnittstelle des Verkehrsverbunds. Angezeigt werden die Busse der nächsten zwei Stunden, und zwar mit Echtzeit-Verspätung, nicht nur mit den Sollzeiten aus dem Fahrplan.
Weil jetzt unsere eigene Software auf der Anzeige läuft, ist sie nicht mehr nur ein dummer Bildschirm, sondern ein Gerät, das man aus der Ferne steuern und überwachen kann. Über ein Admin-Backend lassen sich Texte wie Störungsmeldungen oder Hinweise auf jede einzelne Anzeige schicken, etwa wenn eine Linie wegen einer Baustelle umgeleitet wird.
Genauso wichtig ist der Blick in die andere Richtung: Das Backend zeigt für jedes Gerät live an, ob es online oder offline ist, wie gut das LTE-Signal ist, wie viele Daten es verbraucht, wie warm es im Gehäuse ist und wie lange das Gerät schon läuft. Fällt eine Anzeige aus, merkt man das nicht erst, wenn sich Fahrgäste beschweren, sondern sofort.
Und weil wir nun einmal Softwareentwickler sind, mussten wir natürlich auch ausprobieren, was so eine riesige LED-Matrix sonst noch kann. Die Antwort: Snake. Gesteuert mit dem Handy, gespielt auf der großen Anzeige am Bahnhof, bevor sie wieder brav Abfahrtszeiten zeigen durfte.
Die erste Anzeige läuft, und damit ist der spannende Teil eigentlich erst erreicht. Denn deister-Anzeigen dieser Bauart hängen nicht nur in Ravensburg. Überall dort, wo dieselbe LED-Matrix mit demselben seriellen Controller-Bus verbaut ist und das Display selbst noch intakt ist, lässt sich unser Umbau im Grunde eins zu eins übertragen: Boardcomputer raus, Raspberry Pi, Adapter, Modem und Kabel rein, fertig. Das ist ein überschaubarer, gut planbarer Aufwand pro Standort, statt einer kompletten Neuanschaffung.
Ehrlicherweise gehört auch dazu: Nicht jede Anzeige ist ein Selbstläufer. Stammt eine Anlage von einem anderen Hersteller oder ist das Display selbst defekt, ist das ein eigener Fall, den wir uns einzeln anschauen müssen. Und wer statt einer direkten API-Anbindung auf offene Branchenstandards setzen möchte, für den ist VDV 453/454 eine naheliegende Alternative zum alten IproM-Protokoll.
Ihr seid ein Verkehrsunternehmen, ein Verkehrsverbund oder eine Kommune und habt Abfahrtsanzeigen im Bestand, deren Technik dahinter in die Jahre gekommen ist? Vielleicht läuft darauf ebenfalls noch ein alter Windows-Rechner, vielleicht hängt die Datenanbindung am auslaufenden 2G-Netz, oder vielleicht zeigt die Anzeige schon heute gar nichts mehr an. Dann lohnt sich ein Blick hinter die Klappe, bevor ihr über einen teuren Komplettaustausch nachdenkt.
Schreibt mir einfach, am besten mit ein paar Fotos der Anzeige und, falls vorhanden, des Typenschilds. Dann können wir schnell einschätzen, ob unser Umbau auch bei euch passt, und euren Anzeigen ein zweites Leben schenken.