thomaskekeisen.de

Aus dem Leben eines Bildschirmarbyters

Insolvenzverfahren läuft noch

Die Insolvenz der Socialbit GmbH ist nun bald zwei Jahre her. Ich habe die komplette Geschichte bereits Jahr für Jahr in meinem Blog aufgearbeitet, das Insolvenzverfahren läuft allerdings noch und auch ich persönlich bin noch regelmäßig mit dessen Abwicklung beschäftigt. Vor etwa 16 Monaten habe ich mich nach reichlicher Prüfung und Überlegung dazu entschieden, noch mal einen Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen und habe die Lulububu Apps UG (haftungsbeschränkt) gegründet. Seitdem ist einiges passiert - hier eine Übersicht, was ich jetzt anders mache.

Mehr Zeit zum Programmieren

Meine Leidenschaft ist das ausarbeiten von Softwarekonzepten, Entwickeln von Software und das Umsetzen von Ideen. Eine Leidenschaft, die, als Socialbit gewachsen ist, vielleicht etwas zu kurz kam. Bei Lulububu war ich lange der einzige Mitarbeiter und hatte so die Möglichkeit, die Dinge nochmals von Grund auf neu zu bewerten. Ich habe mich sehr viel intensiver in Technologien wie React Native eingearbeitet und konsequent an einer möglichst sauberen und perfekten Umsetzung gearbeitet, teilweise endlose Stunden in frustrierende Recherchen investiert. Die Art und Weise ich wie heute Apps entwickle hat nicht mehr viel damit zu tun, wie ich das noch vor zwei oder drei Jahren getan habe.

Ich habe die Software wieder vollumfänglich "im Blick" und kennen quasi jede Zeile Code, die wir einem Kunden übergeben. Das war bei der größe von Socialbit nicht mehr unbedingt möglich, die Projekte hatten eine andere Größenordnung und es war schwer, an allen Fronten den Überblick zu behalten.

Automatisierte Prozesse

Neben der Einarbeitung in neue Technologien habe ich auch sehr viel Zeit in das Implementieren von Prozessen investiert. Was früher nur bei großen Projekten und im Zweifel eher experimentell automatisiert war, ist jetzt Standard. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass entsprechende Tools und die damit verbundene Community mittlerweile viel größer, stabiler und mächtiger geworden ist. Unsere Webseiten werden allesamt vollautomatisch auf das Produktiv- oder Test-System geladen, sobald eine entsprechende Codeänderung den Review-Prozess durchlaufen hat und per Git auf den Hauptentwicklungszweig kopiert wurde. Das spart Zeit und vermeidet Fehler.

Davon abgesehen sind alle manuellen Prozesse dokumentiert. Wenn ich beispielsweise ein neues Projekt in unserem Jira erstellen möchte, durchlaufe ich dafür den "Create new project workflow" und hake jeden Schritt ab. Falls wir im Team einen Umstand feststellen, lösen und für die Zukunft in einen Prozess gießen, wird automatisch auch eine E-Mail mit den aktualisierten Anweisungen an das gesamte Team verschickt.

Natürlich ist auch das Einhalten und Leben dieser Prozesse ein Prozess selbst. Wir prüfen und verbessern uns ständig und versuchen bei Fehlern oder Bugs auch direkt die zugrundeliegende Ursache zu finden, um nie wieder in das selbe Problem zu laufen. Einer der nächsten Schritte in diesem Prozess ist die Implementierung von Continuous integration in allen App-Projekten.

Klare Regeln bei Kundenprojekten

Auch bei Kundenprojekten halten wir uns klarer an zuvor gesteckte Regeln. Wir lassen uns nicht mehr auf Dumpingpreis-Projekte ein und sehen auch davon ab, Projekte durchzuführen, bei denen von Beginn an klar ist, dass die Wertschätzung und Wahrnehmung des Kunden nicht mit unseren Werten und Grundsätzen zu vereinen ist. Natürlich klappt das nicht immer zu 100% und auch bei Lulububu gab es schon Projekte wo wir ganz froh waren, dass der Kunde gekündigt hat - denn wir waren auch kurz davor, uns von diesem Projekt zu trennen.

Außerdem sind wir auch in Bezug auf die Technologien, die wir verwenden, nicht sonderlich kompromissbereit. Aufgrund der aktuellen Marktsituation können wir es uns leisten, unpassende Projekte abzusagen um Platz für eben solche zu schaffen, die sich perfekt in unsere Prozesse einfügen und uns letztlich erlauben, schnell und ordentlich in gewohnter Umgebung zu entwickeln. Ein Umstand, der uns auf Hackathons übrigens oft zum Verhängnis wird: Wir sind meist mit unserem Produkt "zu weit", sodass wir letztlich eher Business-Kontakte als Hackathon-Preise absahnen.

Weniger Kompromisse

Ich habe nach der Insolvenz der Socialbit GmbH etwa ein halbes Jahr in einer Anstellung gearbeitet und in dieser Zeit eine App inklusive Backend von Grund auf entwickelt. In dieser Zeit hatte ich auch das Ziel verfolgt, alle Probleme "so richtig" wie nur möglich zu lösen und habe entsprechend viel in den Tiefen von React Native und Symfony recherchiert und meine ohnehin schon große Erfahrung weiter ausgebaut. Diese Idee habe ich beibehalten, darum pflegen wir seither fünf sogenannte Skeletons auf dessen Basis wir neue Web- und App-Projekte erstellen.

So ein Skeleton ist quasi einfach ein komplett vorkonfiguriertes und auf unsere Bedürfnisse und Prozesse abgestimmtes Softwareprojekt, auf dessen Basis wir neue Projekte entwickeln. Das hat für den Kunden den Vorteil, dass wir durchaus konkurrenzfähige Angebote formulieren können und entsprechend günstig sind, trotzdem aber auf eine durchdachte und stabile Software zurückgreifen. Natürlich fließen Optimierungen und Verbesserungen die wir im Rahmen des spezifischen Kundenprojekts vornehmen wieder in unsere Codebasis zurück. So profitieren alle von diesem Konzept.

Wichtig: Die Idee für den Namen "Lulububu" kam nicht von mir selbst. Erfunden oder als möglicher Firmenname ins Spiel gebracht wurde Lulububu zu Socialbit-Zeiten von Philipp Rottmann und Jürgen Gomeringer mit denen wir einst das Projekt Spotgun umgesetzt haben . Es war einst ihr Plan, irgendwann eine Firma mit diesem Namen zu gründen und ich bin sehr Dankbar, dass ich ihn verwenden darf. Mehr dazu auch im Artikel Love your brand.

Jeder weiß alles

Bei einer Größe von vier Personen ist es sehr einfach, dass jedes Team-Mitglied über alle Projekte Bescheid weiß, auch wenn der betroffene Mitarbeiter gar nicht zwingend am Projekt mitarbeitet. Bei Socialbit haben wir dieses Konzept zwar auch verfolgt, aufgrund der Größe war es aber schwerer, es auch wirklich verlustfrei umzusetzen. Wir verbringen den ganzen Tag im Sprachchat und halten Besprechungen auch meist im Beisein aller Entwickler ab. Nur selten wechseln wir bei sehr spezifischen Problembesprechungen den Raum um das restliche Team nicht zu sehr von der Arbeit abzuhalten.

In unserem Jira hat nicht jeder Entwickler Zugriff auf alle Projekte - das hat aber viel mehr den einfachen Grund, dass weniger Projekte im täglichen Flow schlichtweg für mehr Übersicht sorgen. Es reicht, wenn ich mich tagtäglich durch das Management aller Projekte und Tasks arbeite.

Rituale, Traditionen und Feiern

Über die letzten Monate haben wir einige Rituale und Traditionen eingeführt. Neben dem klassischen "Wochentalk" jeden Montag um 10 zelebrieren wir außerdem jede vierte Woche als sogenannte "Kreativwoche". Diese Woche versuchen wir von klassischen Kundenterminen freizuhalten. Mit der gewonnenen Zeit kümmern wir uns um unsere Skeletons oder sonstige Maßnahmen, für die im Regelbetrieb kaum Zeit ist, sich aber positiv auf unseren Geschäftsbetrieb auswirken sollten.

Darüber hinaus versuchen wir uns jeden ersten Montag im Monat gesondert und vor allem persönlich zu treffen und über den Verlauf des vorherigen Monats zu sprechen. Da wir alle aus unseren Privatwohnungen arbeiten ist das Ziel meist, einen möglichst kreativen oder ausgefallenen Ort für dieses Treffen zu finden. Ungefähr alle drei Monate veranstalten wir zudem unsere "Tweakshow", in der wir uns eine Stunde Zeit nehmen um uns gegenseitig die neuesten Tricks, Shortcuts oder sonstige Tweaks zeigen, die unseren Arbeitsalltag erleichtern. Damit der Spaß nicht zu kurz kommt, pitchen wir vierwöchentlich unsere Stimme im Sprachchat und zelebrieren den Helium-Tuesday als Ersatz für den Casual Friday.

Was sagt das Team?

Ich habe auch mein Team um ehrliches Feedback gebeten. Der Tenor ist grob, dass das Arbeiten entspannter und unkomplizierter ist. Der Name "Lulububu" wird intern im Vergleich zu Socialbit als eher unseriös wahrgenommen, wenn gleich wir uns natürlich immer über Kunden freuen, denen unser Firmenname ebenfalls gefällt. Darüber hinaus wird unsere einfache Kommunikation über Teamspeak als sehr positiv empfunden.

Auch finden wir es allesamt wichtig, Code sauber zu schreiben und zu dokumentieren und die Tatsache, dass ich jede Zeile Code selbst kenne und auch nochmals bewerte sowie auch im Vorfeld bessere Definitionen formuliere, ist gut. Lediglich an der Front der automatischen Tests können wir noch nachbessern - hier haben wir nur bei größeren Projekten entsprechend vorgesorgt.

Das Lulububu-Team: bei einem Team-Event in Ulm

Fazit

Ich betreibe Lulububu ehrlich, mit viel Liebe und einem Blick auf Details. Automatisierbare Prozesse werden kompromisslos automatisiert und die Teamgröße ist auf vier Personen gedeckelt. Wir bilden nicht aus, nehmen uns dafür aber bewusst Zeit zum gemeinsamen Reflektieren und optimieren. Ich bin froh, diesen Schritt getan zu haben und bisher sehr gut vermieden habe, die von mir gesteckten Regeln zu brechen - auch wenn ich vor allem gegen Ende des Jahres 2018 häufig mit ehemaligen Socialbit-Kunden in Konflikt geraten bin, die meine Absage auf Basis eben dieser Regeln nicht akzeptieren wollten.

Teilen

Kommentare